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Grady McMurtry
Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs reisten zwei kalifornische O.T.O.-Mitglieder,
Grady Louis McMurtry (18 Okt. 1918 - 12. Juli 1985) und Frederick Mellinger
(Merlinus, 1890-1970) (Mellinger ist ursprünglich ein Flüchtling
aus Nazi-Deutschland gewesen) im Auftrag des Militärs nach Europa. McMurtry
trat seine Reise als erster an und besuchte Crowley vor seiner Rückkehr
mehrere Male. Mellinger suchte Crowley auf, nachdem McMurtry in die Vereinigten
Staaten zurückgerufen worden war.
Zwischen Crowley und McMurtry herrschte ein gutes Einvernehmen,
und Crowley achtete McMurtry's militärische Erfahrung. 1943 verlieh Crowley
McMurtry persönlich den IX° des O.T.O. und ernannte ihn zum Souveränen
General-Großinspektor des Ordens; er gab ihm überdies den Magischen Namen,
den er fortan verwenden sollte, Hymenaeus Alpha, 777.
1944 begann Crowley, mit McMurtry die Möglichkeit,
das "Kaliphat" zu übernehmen, zu erörtern. Crowley schrieb am 28. Sept.
1944 an McMurtry: "Ich hoffe, Du wirst meine Pläne für Deinen weiteren
Werdegang als mein Fides Achates, alter ego, Kaliph & so weiter, ernsthaft
in Erwägung ziehen." Am 21. Nov. 1944 schrieb er nochmals an McMurtry:
‚Das Kaliphat'.
Du mußt Dir bewußt machen, daß ich, gleich wie sehr sich unsere Sichtweise
aller objektiven Belange auch gleichen mag, in Fragen des Ordens von
gänzlich anderen Prämissen ausgehen muß. Eine der (verblüffend wenigen)
Anweisungen, die ich je erhalten habe, lautete wie folgt: ‚Vertraue
keinem Fremden: Sorge für einen Erben'. Hier hat sich mir der Teufel
in Person gezeigt. Fr. [Saturnus] ist ohne Frage der natürliche Kaliph;
aber es gibt viele Einzelheiten bezüglich der zu verfolgenden Grundsätze
oder der Arbeit, die genau dort angesiedelt sind, wo sich sein blinder
Fleck befindet. Er kann in jedem Falle schon aufgrund seines Alters
nur ein Übergangskandidat sein; ich muß nach seinem Nachfolger Ausschau
halten. Es ist die Hölle gewesen; so viele erstaunlich Vielversprechende
sind dahergekommen, nur um auf felsigem Grund zu stranden. ... Aber
- nun folgt mein Punkt, den Du ganz und gar nicht verstanden hast -
meine Vorstellung von Dir ist nicht die, daß Du auf einem saftig-grünen
Hügel nebst einer Herde süßer, lieblicher, wolliger Schafe liegst, die
nach Deiner Flöte tanzen! Ganz im Gegenteil. Dein tatsächliches Leben,
oder ‚Bluten', ist die Art von Initiation, von der ich meine, daß sie
die wichtigste Grundvoraussetzung für einen Kaliphen darstellt. Denn
denken wir einmal vielleicht zwanzig Jahre voraus; ein Outer Head of
the Order muß auch dann unter anderem die Erfahrung des Krieges gemacht
haben, so wie wir ihn heute tatsächlich erleben.
Der Titel "Kaliph", mag zwar beider Männer Sinn für
Humor angesprochen haben, da er auch ein Wortspiel mit der Abkürzung für
Kalifornien (Calif.) erlaubt (der Staat, in dem sich McMurtry's Wohnsitz
und auch die Agapé Loge befand). Das eigentliche Wort Khalifa entstammt
jedoch dem Arabischen und bedeutet "Nachfolger" oder "Stellvertreter".
Dieser Titel bezeichnete im frühen Islam den Nachfolger des Propheten,
das weltweite Oberhaupt der Moslimen. Crowley verwendete diesen Begriff,
der im O.T.O. eben diese Bedeutung hatte, sowohl für Germer als auch McMurtry.
1946 vertraute Crowley McMurtry Dokumente für eine
Notfallautorisation an, die ihn dazu bevollmächtigten, die Verantwortung
für die gesamte Arbeit des Ordens in Kalifornien, worin die damals einzige
aktive O.T.O.-Körperschaft eingeschlossen war, zu übernehmen. Crowley
ernannte McMurtry zusätzlich zu seinem persönlichen Stellvertreter in
den USA, und in dieser Funktion sollte seine Autorität der von Crowley
gleichgestellt sein. Diese beiden Chartern, die auf den 22. März 1946
beziehungsweise 11. April 1946 datiert sind, waren lediglich von Karl
Germer's Zustimmung, Veto oder Revision abhängig. Germer wußte von Crowley's
Chartern für McMurtry, denn er hatte ja an der Zusammenkunft der Agapé
Loge teilgenommen, auf der sie von McMurtry präsentiert worden waren.
Crowley informierte Germer überdies in einem Schreiben vom 19. Juni 1946,
daß "die einzige Einschränkung seiner [McMurtry's] Vollmachten darin besteht,
daß jede Entscheidung, die er trifft, von einer Revision oder einem Veto
Deinerseits abhängig ist", womit er auf die Bedingung einer vorherigen
Zustimmung durch Germer verzichtete. Am 6. Juni 1947 schrieb Crowley an
Germer:
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Du scheinst auch
Zweifel im Hinblick auf die Nachfolgefrage zu hegen. Sie wurde nie in
Frage gestellt. Seitdem Du wieder unter uns weilst, bist Du der einzige
Nachfolger, den ich seit dem nämlichen Augenblick im Sinn gehabt habe.
Mir ist jedoch angesichts Tatsache, daß so viele Mitglieder in alle
Winde zerstreut wurden, der Gedanke gekommen, daß Du es nützlich finden
könntest, ein Triumvirat zu ernennen, das unter Dir arbeitet. Ich habe
mir da Mellinger, McMurtry und wohl Roy [Leffingwell] vorgestellt, obgleich
ich die Vertrauenswürdigkeit des letzteren stets etwas bezweifelt habe.
Sechs Monate vor seinem Tode schrieb Crowley an McMurtry
und setzte ihn am 17. Juni 1947 darüber in Kenntnis, daß Germer zwar der
Nachfolger Crowley's als Oberhaupt des O.T.O. werden sollte, McMurtry
sich jedoch bereit halten sollte, Germer's Nachfolge anzutreten. Crowley
vertraute zwar Karl Germer's Fähigkeit, den Orden als sein Nachfolger
zu leiten, offenkundig jedoch nicht Germer's Fähigkeit, einen angemessenen
Nachfolger für sich selbst zu finden und zu ernennen. Augenscheinlich
als zusätzlicher Ausweichplan für den Fall gedacht, daß McMurtry selbst
verstarb oder sich eine behindernde Verletzung zuzog, wies Crowley in
einem Brief vom 15. Juli 1947 auch Mellinger an, sich als möglicher Nachfolger
Germer's bereit zu halten. Mellinger wurden jedoch keinerlei Vollmachten
der Art übertragen, wie McMurtry sie empfangen hatte, und Crowley verwendete
im Zusammenhang mit Mellinger auch nie den Begriff "Kaliph".
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